Bescheidenheit ist eine Tugend, die der Mensch auf seinem Weg zum schöpfungsgerechten Leben eines effektiven Menschen übt und erlernt. Sie wird auch ‹Genügsamkeit› genannt und bezeichnet die innere Haltung eines Menschen, der nicht auf Ruhm, Ansehen, Anerkennung, auf gelobt zu werden oder im Mittelpunkt zu stehen aus ist und sein ganzes Wesen im Denken, Fühlen, Empfinden und Verhalten danach ausrichtet. Der Bescheidene macht von sich kein grosses Aufheben, weil er sich als völlig gleichwertig und gleichgestellt zu seinen Mitmenschen sieht und fühlt. Er ist daher sowohl im eigenen Innern als auch nach aussen und in seinem Verhalten gegenüber den Mitmenschen von Bescheidenheit geleitet. Vom materiellen Standpunkt aus gesehen, ist Bescheidenheit eine Verhaltensweise von Menschen, wenig von etwas resp. lediglich das Notwendige für sich zu beanspruchen, selbst dann, wenn die Möglichkeit der Vorteilnahme oder Bereicherung bestünde. Bescheiden sein kann auch heissen, zugunsten anderer auf etwas zu verzichten, wenn ein Mitmensch dessen mehr bedarf als man selbst. Bescheidenheit als ein wichtiges Lebensprinzip entsteht aus der Einsicht, dass alles Übermass im Leben schädlich ist, gemäss dem altgriechischen Merkspruch «Nichts zu viel» resp. «Allzuviel ist ungesund». Gemäss den irdischen Philosophien hängt die Bescheidenheit eng zusammen mit der Fähigkeit zum Masshalten, die Platon der Besonnenheit zuordnete, einer der vier Kardinaltugenden (Haupttugenden) wie er sie nannte, nämlich der Tapferkeit, der Gerechtigkeit, der Besonnenheit und der Klugheit resp. Weisheit.
Im rechten Rahmen bescheiden sein heisst, sich wohl über die eigene Bedeutung und Wichtigkeit als Mensch, als Individuum und als evolutionierender Teil der Schöpfung bewusst zu sein, die Bedeutung der eigenen Person im Gefüge des Schöpfungsgetriebes aber nicht wichtiger zu nehmen als sie in Wahrheit ist. Eine gesunde Bescheidenheit verlangt vom Menschen nicht, das Licht seiner Fähigkeiten, Kräfte und Kenntnisse, seines Wissens, seiner Lebensklugheit und Weisheit unter den Scheffel zu stellen, um es darunter vor den Augen der Welt zu verbergen; und sie verlangt auch nicht, z.B. motiviert aus einer falschen, positiv überzogenen Bescheidenheit heraus, seine persönlichen Bedürfnisse und Ansprüche, seine Wünsche, Träume, Neigungen und Triebe gegenüber sich selbst und der Umwelt zu verleugnen. Denn diese Antriebskräfte entstammen seinen ureigenen Bedürfnissen, Gedanken, Gefühlen, Empfindungen, Impulsen, Intuitionen usw., die er aufspüren und gedanklich auf den Grund gehen kann, indem er ihnen aufmerksame Beachtung schenkt. Dadurch prüft er die nach Verwirklichung, Erfüllung und Befriedigung drängenden Kräfte aus seinem Inneren und kann so feststellen, ob sie von gesunder Art und Weise sind oder ob es sich um emotionale Verirrungen, Wahnvorstellungen und Formen irrealer Einbildung handelt, die er unter die Lupe seiner Aufmerksamkeit nehmen und zur Besserung dieser Tugend unter seine bewusste Kontrolle bringen muss; und mit einer ausgeglichenen Bescheidenheit unvereinbare Kräfte, wie z.B. Eitelkeit, Ruhmsucht, Geschwätzigkeit, Unehrlichkeit usw. usf., muss der Mensch meditativ ergründen, um ihnen ihre Macht über sein Denken und Fühlen zu nehmen und sie in neutral-positive Energie zu transformieren.
Dem Grossteil der Menschen auf dem Planeten Erde geht es materiell gesehen schlechter als den meisten Menschen in den westlichen Industrieländern. Viele Millionen Menschen kämpfen täglich um ihr Überleben, leiden unter Hunger, Bürgerkriegen, Krankheiten und Seuchen wie AIDS usw. Diejenigen Menschen, die in einem relativen Wohlstand leben und zumeist keinen objektiven Grund haben, über ihre Lebensumstände zu jammern und zu klagen und die aber trotzdem mit sich selbst und ihrem Leben hadern, würden an Bescheidenheit wachsen können, wenn sie sich diese Tatsache klar bewusst machen. Aus dieser Erkenntnis bildet sich dann in ihnen ein Gefühl der Dankbarkeit gegenüber dem Leben und der Schöpfung, das ihre Psyche wohltuend ausgleicht.
Wer zur Bescheidenheit gelangen will, muss auch lernen, Geduld zu üben, denn Ungeduld zur falschen Zeit führt allzuleicht zu unangebrachten Forderungen und vorschnellen Handlungen sowie zu unklugen Worten und einem unbescheidenen, vorlauten Verhalten und Auftreten gegenüber den Mitmenschen. Dem Bescheidenen sind der Gedanke und die Vorstellung daran äusserst zuwider, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit eines Menschen oder einer Menschengruppe zu stehen, die seine ehrwürdige Bescheidenheit mit Schmeicheleien, Lobhudeleien, überschwenglicher Dankbarkeit und Jubelrufen beleidigen. Es geht ihm bei seinem Denken, Fühlen und Handeln in allen Lebenssituationen darum, das Richtige zu tun, um das Wohlergehen der Menschen und die Evolution des Ganzen zu fördern. Niemals heischt er nach personenbezogenem Lob, übertriebenem Dank oder gar nach einer kultischen Verehrung, Preisung, Anbetung und Anhimmelung seiner Person. Kriecherische Anbiederungen und schleimige Demutsbekundungen dieser Form lehnt er ebenso vehement ab wie die verlogenen Reden der Religionen und Sekten, die dafür empfängliche Menschen für sich gewinnen und in die Irre führen wollen. Der in Weisheit Bescheidene ist sich darüber im Klaren, dass sich hinter dem scheinheiligen Grinsen der Religionisten und Sektenbonzen zumeist nur Falschheit, Intrige, Hinterlist, Verrat und das Streben nach Ausbeutung, Profit und Betrug verbergen.
In grosser Bescheidenheit lebende Menschen, beispielsweise die wahren Propheten, sind äusserlich unscheinbar und unauffällig, bergen aber einen grossen Schatz an Wissen, Weisheit und Liebe in sich. Sie haben es nicht nötig, mit ihrem Wissen zu prahlen oder mit ihren Kenntnissen zu glänzen, weil zur Tugend der Weisheit auch die Bescheidenheit gehört, die alle Ego-Allüren, Eitelkeiten und Profilierungsgelüste verachtet und von sich stösst. Die wahrlich Bescheidenen …
„… setzen sich nicht machtvoll über ihre Mitmenschen, denn sie stellen sich unter ihnen und mit ihnen gleich, auch wenn sie die Führung haben und in dieser Weise das Volk leiten“
BEAM, ‹Und es sei Frieden auf Erden›
Dies ganz im Gegensatz zu selbstherrlichen, nach Macht über die Menschen strebenden Politikern, Regierungskräften, Präsidenten usw., denen wahre Bescheidenheit fremd ist. Der Bescheidene weiss um seinen Wert als Mensch. Er verfügt über ein gesundes Selbstwertgefühl und hat ein sicheres Vertrauen in seine Kräfte, Kenntnisse und Fähigkeiten. Er begnügt sich damit, die Evolution in erster Linie im Innern seiner selbst zu erfüllen und heischt nicht nach anerkennender Bestätigung seiner Vorzüge durch andere Menschen. Er entfaltet, pflegt und verbessert alle inneren Werte um ihrer selbst willen, zu seinem Wohl, dem der Mitmenschen und zum Wohl der Schöpfung.
Der Bescheidene ist mit relativ wenigem an materiellem Hab und Gut zufrieden. Er schöpft durch die Macht seiner Gedanken, seines Wissens und seiner Weisheit aus dem Füllhorn der schöpferischen Reichtümer. Diese Güter sind die wahren ‹Schätze des Himmels›, nämlich die unvergänglichen Werte des Bewusstseins und der Schöpfungsenergie, die alles Materielle überdauern und nicht der Vergänglichkeit des Grobstofflichen eingeordnet sind.
Bescheidenheit hat nichts mit Demut zu tun, die vom Menschen die hündisch-ergebene Unterwerfung unter die Fuchtel eines anderen Menschen oder einer imaginären göttlichen Macht, eines Heiligen, eines Gurus, Erhabenen usw. verlangt, der angeblich über das Schicksal des Menschen bestimmt. Durch eine demütige Bewusstseinshaltung wirft der Mensch seine Selbstverantwortung vor die Säue und verkauft sie an eine “imaginäre höhere Macht”, die ihn seinem Wahnglauben gemäss in allen Dingen leitet und lenkt und willkürlich über ihn bestimmt. In Wahrheit hat der Mensch durch die schöpferischen Gesetze einen freien Willen und die Macht, über alles und jedes in seinem Leben frei und eigenverantwortlich zu befinden und zu entscheiden.
Im materiellen Schöpfungs-Universum gleicht der einzelne Mensch einem winzigen Staubkorn in einem unermesslich grossen kosmischen Raum und trägt wie die unzähligen Myriaden anderer Menschen auf allen bewohnten Welten zu einem kleinen Teil zur Evolution der Schöpfung bei. Der darum wissende Mensch ordnet seine Grösse und Bedeutung darin richtig ein und wirkt bescheiden und unauffällig im Hintergrund. Er erfüllt in Bescheidenheit und im Einklang mit sich selbst und den Gesetzen des Universalbewusstseins seine Pflichten.
„Bescheidenheit ist eine Tugend. Wer sie ausser acht lässt, ist ebenfalls bescheiden, jedoch auf andere Art.“
Verfasser unbekannt

‹Bescheidenheit›
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Artikel: Leseprobe aus dem Buch ‹Einsichten auf dem Weg zum effektiven Menschsein›) von Achim Wolf (Einige Rechte vorbehalten)